Wie lange noch?

von Simone Schneider

Ich bin normalerweise ein geduldiger Mensch. Anstatt zu verzweifeln und einen Plan B oder C durchboxen zu wollen, kann ich warten, bis das passiert, was ich mir wünsche. Zum Beispiel habe ich so lange ausgeharrt, bis ich hier in meiner Wunschgegend eine unbefristete Stelle angeboten bekam. Während so mancher längst das Bundesland gewechselt hätte, blieb ich ruhig, hangelte mich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag und wartete. Das kann ich ziemlich gut.

Momentan wird meine Geduld aber ganz schön hart auf die Probe gestellt. Der Frust wächst. Wir haben August. Seit fast 5 Monaten ist nichts mehr so wie es war. Lockdown, abgesagte Veranstaltungen, Infektionsketten und die Reproduktionszahl, das ist unsere neue Realität. Manches hat sich eingespielt; meine Bekannten und ich haben beispielsweise kein Problem damit, beim Arzt oder Einkauf den Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Auch den Verzicht aufs Händeschütteln und auf Umarmungen bei der Begrüßung trage ich gerne mit. Es reicht mir, Körperkontakt zu meinem Mann und meinem Sohn zu haben.

Manche Leute leben inzwischen wieder so wie zuvor. Treffen sich in großen Gruppen ohne Abstand einzuhalten und feiern Partys. Unternehmen Reisen in Risikogebiete oder laufen ohne Mund-Nasen-Schutz durch die Gegend. Demonstrieren in Gruppen von Zehntausenden. Doch damit gefährden sie den Rest der Gesellschaft. Vor allem die Schwachen (die Alten und Vorerkrankten). Ich kann mir das nicht erlauben. Mein Mann hat ein schwaches Immunsystem, deshalb müssen wir vorsichtig sein. Also sage ich Einladungen ab.

Wie lange wird das noch so weitergehen? Wochen? Monate? Jahre? Wann werden wir zum nächsten Mal bei einer Hochzeit oder einem runden Geburtstag dabei sein? Wann gratulieren wir wieder mit Händeschütteln oder einer Umarmung? Wann gehen wir ohne Maske einkaufen? Wird es jemals wieder so sein wie früher? Oder zucke ich in Zukunft automatisch zusammen und rücke weg, wenn sich jemand an der Supermarktkasse nahe hinter mich oder im Aufzug direkt neben mich stellt? Vielleicht bleibt unser Nähe- und Distanzempfinden dauerhaft anders. Diese Fragen kann ich momentan alle noch nicht beantworten. Erst die Zukunft wird es zeigen.

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