Lockerungen

von Simone Schneider

Zuerst kam der Lockdown. Wir haben uns zuhause eingeigelt. Verließen unser Grundstück nicht einmal zum Spazieren gehen oder einkaufen. Einmal pro Woche brachten die Eltern Lebensmittel. Sie stellten alles vor die Tür, klingelten und traten mehrere Meter zurück. Gespräche führten wir im Hof mit Abstand oder über den Gartenzaun hinweg. Bloß keine gemeinsame Luft einatmen!

Das Baby zeigte ich ihnen am Fenster. Kein Kuscheln und Knuddeln mehr von Oma und Opa für ihren 6 Wochen alten Schatz.

In den nächsten 5 Wochen hielt ich diese Maßnahmen eisern durch. Dann besuchten wir die Großeltern. Wir waren im Wohnzimmer, unser Junge lag auf seiner Decke und lachte und brabbelte mit den kaum noch bekannten Menschen, die ihm eigentlich fast die Nächsten sind. Was macht Corona mit meinen Eltern und mit meinem Kind?

Spazieren gehen wir jetzt wieder. Kommt jemand entgegen, wechseln wir oder die anderen die Straßenseite. Man hat sich daran gewöhnt, fast jeder nimmt Rücksicht. Beim Arzt tragen alle eine Maske, was mir ein gutes Gefühl vermittelt. Nach 10 Minuten habe ich mich an das komische Teil in meinem Gesicht gewöhnt. Und das Baby? Lacht mit der Ärztin. Es sieht ihre Augen, das reicht ihm Gott sei Dank, um Vertrauen zu fassen.

Die Oma nimmt ihn jetzt auch wieder mit Maske auf den Arm. Das ist für sie ein tolles Muttertagsgeschenk! Die andere Oma noch nicht, sie will ihn nicht anstecken, falls sie Corona hat.

Irgendwann dürfen die Großeltern wieder den Kinderwagen schieben. Und noch einmal einige Wochen danach heben sie ihr Enkelkind hoch, tragen es herum und herzen es. Ohne Mund-Nasen-Schutz. Die Fallzahlen in unserer Gegend sind und bleiben gering. Trotzdem bleibt es riskant. Was ist, wenn? Gefährde ich meine Familie? Können sie damit leben, wenn sie uns anstecken und uns dann etwas passiert? Kann ich damit leben, wenn ich sie infiziere und das schlimme Folgen hat? Oder wenn durch meine falsche Entscheidung meinem Mann oder Kind etwas zustößt?

Aber ein Ende ist nicht in Sicht. Ich hätte es durchhalten können, wenn ich gewusst hätte wie lange noch. So ist es einfach zu hart, zu grausam. Mein Kind soll nicht isoliert aufwachsen. Es soll seine Urgroßeltern noch möglichst oft sehen können. Seine Omas und Opas auch ohne Maske kennen. Ich möchte meine Freunde sehen. Ich schaffe es, sie nicht zu umarmen, aber nicht, sie das Kind nicht berühren zu lassen.

Eine Bekannte hat ihre Oma nicht besucht, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Diese ist dann gestorben, wenn auch nicht an Corona. Solche Geschichten zeigen mir, dass es momentan kein Richtig gibt. Alles kann eine falsche Entscheidung sein. Ich beobachte die Situation und nehme eine Einschätzung vor. Höre auf mein Herz und Gefühl. Aber kann ich meiner Intuition wirklich trauen, wenn noch nicht einmal die Virologen wissen, was Sache ist? Es bleibt ein Tanz auf der Rasierklinge, ein Spiel mit dem Feuer, Leben am Limit. Aber besser tanzen, spielen und leben als alles sein lassen und auf alles verzichten.

Alles, was ich tun kann ist zu hoffen, dass ich nichts von dem, was ich momentan tue, bitter bereuen muss. Ich warte auf den Tag, an dem der Spuk vorbei und alles wieder im Lot ist. Und bete, dass alle meine Lieben heil aus dieser Sache herauskommen.,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.