Zeitgewinn

von Simone Schneider

Mitte Februar bis Mitte März:
Ich bin zum ersten Mal Mutter geworden. Seit wir aus dem Krankenhaus daheim sind, haben uns schon viele Leute besucht. Und noch mehr warten darauf, dass wir uns bald treffen. Auch die Großeltern wollen den Kleinen regelmäßig sehen. Der Kalender ist voll mit Terminen. Manchmal wird es meinem Mann und mir zu viel. Wir wollen auch mal Zeit für uns haben, nur Mutter, Vater, Kind.
Besuch unserer Hebamme,
Babymassage, Rückbildungskurs, Spazieren gehen mit einer Freundin und deren Baby. Der Kalender ist voll mit Terminen.

Ende April soll unser Sohn getauft werden. Wir haben noch einiges zu erledigen. Einladungen erstellen und verteilen, Dekoration besorgen und etwas zum Anziehen für das Baby kaufen. Hoffentlich schaffen wir das alles!

Der Kalender ist voll mit Terminen.

Seit Ende März:

Der Kalender ist leer, alle Termine gestrichen! Die Hebamme darf nur noch im Notfall kommen. Meine Frauenärztin hat angerufen, ich soll nicht in die Praxis kommen. Die Babymassage wird unterbrochen, die Rückbildung ist abgesagt. Kein Besuch darf mehr kommen, mit der Freundin darf ich mich nicht treffen.

Aufatmen, Entschleunigung. Ganz viel Zeit zuhause, nur Mutter, Vater, Kind. Der Kalender ist leer. Aber auch keine Taufe. Ich telefoniere und telefoniere, um die Einsamkeit zu kompensieren. Das funktioniert ganz gut. Ich schlendere in die Küche. So leer der Kalender! Alle Termine gestrichen.


Simone Schneider ist Grundschullehrerin und zurzeit in Elternzeit. Als Jugendliche hat sie zusammen mit ihrem Bruder einen Jugendkrimi geschrieben und veröffentlicht. Ansonsten schreibt sie Gedichte für Familienfeiern und nimmt zurzeit am Workshop „Deutschland schreibt“ von Doris Dörrie teil.

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