Welcher Tag ist heute?

von Gundula Berking

Ein Tag vergeht wie der andere. Der Blick aus meinem Fenster ist wie ein Blick in einen Spiegel oder wie auf ein Gemälde, das mir seit langem vertraut ist. Höchstens ein paar Äste schaukeln im Morgenwind.

Und ich? Je weniger ich tue, umso müder werde ich.

In der Zeitung habe ich von den großen Pandemien gelesen, die die Welt in Atem hielten und Tausende, ja Millionen Menschen dahinrafften. Pest, Cholera, asiatische und spanische Grippe. Europäische Schlafkrankheit? Davon hatte ich noch nie was gehört. Sie wütete von 1915 bis 1926 und 1 500 000 Menschen starben daran. Vielleicht verläuft parallel zur Corona-Pandemie die europäische Schlafkrankheit? So viel wie jetzt in letzter Zeit habe ich noch nie geschlafen, mindestens zehn Stunden am Tag! Ich liege schon um 22 Uhr im Bett, lese noch, bevor ich Licht ausschalte. Morgens wecken mich die Vögel. Ich lausche ihnen gern. War das eine Amsel? Ja. Zwischendurch Meisengezwitscher.

Was war das für ein Vogel? Ich könnte aufstehen und ihn in den Bäumen und Sträuchern suchen. Aber dann ist er vielleicht schon weggeflogen. Also bleibe ich liegen. Mich drängt ja niemand, und ich habe auch nichts Bewegendes vor.

Mal überlegen, was ich heute tun könnte. Die alten Aktenordner sind ausgemistet, die Schubladen aufgeräumt, alle Bücher in den Regalen abgestaubt und neu geordnet. Fenster? Alle geputzt. Einkaufen? Gehe ich nur einmal die Woche, und das war vorgestern. Freunde und Bekannte anrufen? Die könnten auch mal zurückrufen. Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich. In den ersten Tagen nach der kontrollierten Ausgangssperre klingelte so oft das Telefon. Nun ist alles gesagt, immer die gleichen Fragen gestellt, wie es weitergehen soll. Und dann folgt der obligatorische, unverbindliche Endsatz, den ich nicht mehr hören kann: „Bleib gesund. Wir halten Kontakt.“

Mein Blick wandert gelangweilt vom Bett aus durch das Zimmer, und dann zum Wecker. Gleich 8.30 Uhr. Die Neugierde, was heute Neues in der Tageszeitung stehen könnte, gibt mir den Schwung zum Aufstehen. Was, heute ist Mittwoch, der 15. April? Morgen hat meine Jungendfreundin Hanna ihren 60. Geburtstag. Sie wollte groß feiern, hatte eingeladen, alles organisiert und wegen der Coronakrise abgesagt. Mein Geburtstagsgeschenk, ein Bildband „Traumreisen“ liegt eingepackt auf dem Schreibtisch. Ob es jemals wieder Traumreisen gibt? Vielleicht ist meine Geschenkidee längst überholt. Ich hätte ihr wenigstens eine Geburtstagskarte schicken können. Wenn ich die Karte gleich schreibe und in den Briefkasten werfe, bekommt sie den Gruß vielleicht noch bis morgen.

Ich habe etwas vor, etwas Wichtiges, das gleich erledigt werden muss! Auf einmal habe ich es eilig. Schnell den Kaffee ausgetrunken. Der Abwasch kann warten. Wo finde ich schnell eine schöne Grußkarte? Da kommt mir eine Idee. Beim Aufräumen war mir ein Brief von ihr in die Hände gefallen, den sie mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschrieben hatte. Gibt es ein passenderes Geschenk zum 60. Geburtstag als ihr den Brief zurückzuschicken – zur Erinnerung an unsere nun schon so lange währende Freundschaft? Hätte ich jetzt nicht so viel Zeit zum Aufräumen, so wäre ich vielleicht nie mehr bewusst auf diesen Brief gestoßen. Ich lese ihn noch mal durch. Gemeinsame Erlebnisse aus unserer Jugendzeit werden wach. Unsere Handschriften haben sich im Laufe der Jahre verändert. Sie sind nicht mehr so akkurat, sind flüssiger und flüchtiger geworden. Nun ist Hanna schon seit vier Jahren Witwe. Bevor ich wieder ins Träumen und Grübeln komme, schreibe ich ihr ein paar liebe Zeilen und Wünsche für das neue Lebensjahrzehnt, auf dass wir uns bald gesund wiedersehen und sie ihre Feier nachholen kann.

Dann geht es schwungvoll zum nächsten Briefkasten. Auf dem Rückweg nach Hause habe ich ein wohliges, zufriedenes Gefühl, so als hätte ich heute etwas ganz Besonderes vollbracht. 


 

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