Walking alone

von Gundula Berking

Freitagvormittag. 3. April 2020. Tag 12 der begrenzten Ausgangssperre

Nur zwei Personen dürfen im Mindestabstand von 1,50 Meter zusammen an frischer Luft spazieren gehen. Es wird dringend angeraten, das Haus nur für unaufschiebbare Tätigkeiten zu verlassen.

Die Regierung empfiehlt besonders der älteren Generation: „Rettet Leben. Bleibt zu Hause“. Deutschland ist gelähmt vom Coronavirus, das unser Land voll im Griff hat.

Die Sonne scheint. Die Luft ist kalt und klar. Ich gehe hinunter an den Rhein zur Fähre in Bingen. Das Wasser so blau wie der Himmel. Auf den Gerüsten des Hotels „Papa Rhein“ bringen nur noch zwei Arbeiter die Außenholzverkleidung an der Fassade des Neubaus an. Hier, wie überall in Deutschland, ruht fast alle Arbeit.

Ohnmächtig muss ich mit ansehen, wie das soziale und öffentliche Leben schrittweise eingefroren wird, um sich gegenseitig vor dem Virus zu schützen. Ein eisiger Wind weht in mein Gesicht und bremst meinen flotten Schritt. Vor mir liegt die lange Front der Rheinpromenade von Bingen – menschenleer. Welke Blütenblätter tanzen vor mir meinen Augen. Ich wandere an gestutzten Platanen entlang. Jeder Baum trägt eine Nummer. Das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Wie oft bin ich hier schon entlang gegangen – immer auf der Lauer nach jemand, mit dem ich ein Schwätzchen halten könnte. Heute schärft meine Einsamkeit den Blick für jede Kleinigkeit. Die Kirchenturmuhr der Johanneskirche zeigt 9.30 Uhr. Wenigstens die Uhr geht noch, und ab und an läuten einmal die Glocken. Das Altenheim St. Martin ist in die Jahre gekommen. Bunte Teppiche aus gelben und blauen Stiefmütterchen heitern mich eine Weile auf. Ich laufe vorbei an den geschlossenen Lokalen. Die gespenstische Stille wird zuweilen durch Vogelgezwitscher unterbrochen. Leere Bänke. Der Kinderspielplatz ist mit flatternden rot-weiß gestreiften Plastikbändern abgesperrt.

Im Geiste sehe ich meine vier Enkel über die Spielgeräte toben. Ich höre ihr ausgelassenes fröhliches Kreischen, ihre begeisterten Rufe:

„Schau mal Oma, wie hoch ich schon geklettert bin!“

Kontaktsperre! Ich darf nicht zu ihnen nach Stuttgart oder Erlangen fahren. Sie können mich nicht in Bingen besuchen. Ich vermisse ihr ansteckendes Lachen, ihr quirliges Wuseln um mich herum, ihre kleinen Hände in meinen immer welker werdenden kraftlosen Händen. Tränen des Trennungsschmerzes füllen meine Augen. Telefonieren oder skypen sind kein Ersatz. Die bange Frage, ob, und wann wir uns endlich wiedersehen werden, schnürt mein Herz zusammen.  Verschwommen lese ich den Wasserstand des Tages: 1,72 Meter. Genug Wasser für die Schiffe, die, wie mir scheint, nur mit halb voller Ladung in spärlicher Zahl auf dem Rhein schippern.  Bei Hoch- oder Niedrigwassergefahren wird für die Schifffahrt der tägliche Pegelstand im Radio bekannt gegeben. Jetzt verfolge ich angstvoll die steigenden Zahlen der mit dem Coronavirus infizierten Menschen. Heute sind es 79615 Infizierte und 1050 Tote. Tendenz täglich stark steigend.

Drüben im Heilig-Geist-Hospital steht alles leer. Es ist ein Stützpunktkrankenhaus geworden.  Bis auf die sieben bis neun  Weaning-Patienten auf Station 5 hat man alle Kranken in andere Häuser verlegt. Personal und Betten sind für die Notaufnahme der Infizierten gerüstet. Noch nicht mal einen Bereitschaftsdienst in Bingen gibt es mehr. Und wenn ich jetzt ein unstillbares Nasenbluten wie unlängst, oder plötzlich eine andere lebensbedrohende Krankheit erleide? Da steht das Krankenhaus fast zum Greifen nahe vor mir, und man kann mir dort nicht mehr helfen! Wenigstens eine Notstation hätte man offenlassen können!! Instinktiv drehe ich mich nach Hilfe suchend um. Nicht ein Mensch ist vor oder hinter mir auf der verlassen liegenden Promenade zu sehen. Ich fühle mich wie in einer gespenstischen Szene eines Science-Fiktionsfilms. Real watschelt vor mir ein schnatterndes Entenpaar. Sie bleiben stehen, schauen auf Futter hoffend mit schief gehaltenem Kopf zu mir hoch.

Ich schlendere weiter am prachtvollen Gebäude des Elektrizitätwerks vorbei, das 1898 gebaut wurde und heute Museum am Strom heißt. Es hat bereits zwei Weltkriege erlebt und wird auch diese  Krise unbeschadet überstehen. Wie angreifbar und verletzlich sind doch wir Menschen und wie kurz unsere Lebenszeit! Ich blicke hoch zu den geschlossenen Fenstern des leeren NH Hotels, die mich aus exponierter Lage langweilig angähnen. Warum hat man nicht hier einen Stützpunkt für die Corona Infizierten eingerichtet?  

Dann treffe ich doch noch ein paar Menschen. Auf der Höhe des Binger Rudervereins kommt mir ein bekanntes Ehepaar entgegen. Der Mann, mindestens zehn Meter voranschreitend, grüßt mich nur kurz und geht weiter. Die Frau strebt freudig auf mich zu. Sie streckt mir die Hand zum Gruß entgegen. Ich weiche einen Schritt zurück. Sie fasst sich an den Kopf und nickt. Klar, Abstand halten! Wir wünschen uns gute Gesundheit. Ich scherze:

„Na, den Abstand von 1,50 Metern haltet ihr ja bestens ein.“ Sie zuckt resigniert mit den Schultern und folgt ihrem Mann. Ich beneide sie um die Gesellschaft ihres Mannes. Gern hätte ich mit ihr noch ein paar Worte gewechselt.

Am Rhein-Nahe Eck wehen mir die hängenden Äste einer Trauerweide mit ihrem zarten Hellgelb ins Gesicht. Vom Mäuseturm herkommend segelt ein Schwanenpaar im Tiefflug und landet in der Nahemündung im kühlen Nass. Mein Blick saugt sich an einem großen roten Plastikherz im Wasser fest. Wer ließ es einst in die Luft steigen? Nun liegt das Herz eingeklemmt unter dem braunen Gestrüpp am Naheufer. Die Wellen bewegen es auf und ab, so als würde es schlagen und sich anstrengen, um sich aus der beengten Lage befreien zu können. Dort unten liegt mein gefangenes Herz als Symbol für die tausend Stunden Einsamkeit, die vielleicht noch vor mir liegen. Meine Gefühle und Empfindungen, meine Liebe zu den mir nahestehenden Menschen, meine Sehnsucht nach Gesellschaft und Geborgenheit, meine Ängste, vielleicht ohne Abschied sterben zu müssen, sind eingezwängt in den Fesseln dieser Krise. Ich lebe. Noch. Aber ich bin fassungslos, gelähmt, gefangen. Ich kann mich nicht mehr so entfalten, bewegen und handeln, wie es vor Wochen noch möglich war. Wie lange, frage ich mich, halte ich diese Isolierung noch aus?        

Kurzvita der Autorin:

Gundula Berking studierte VWL in Hamburg, danach zog sie nach Bingen, wo sie eine Familie gründete und ihre Kinder aufzog. Ihr Weg zum Schreiben führte über Tagebuchnotizen seit ihrer Jugendzeit, Familiengeschichten sowie romanähnliche Reiseerinnerungen zu Kurzgeschichten und Gedichten. Frau Berking ist Teilnehmerin der Schreibwerkstatt an der Vhs Bingen bei Sören Heim.

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