Verhaltensänderungen in der Krise – Teil 1

Verspürten Sie in den letzten Tagen auch so ein merkwürdiges Gefühl? Ein Gefühl, dass sich nicht nur die Welt ändert, sondern auch das eigene Verhalten? Oder das Ihrer Mitmenschen? Oder das von allen? Keine Sorge, Sie sind in bester Gesellschaft. Und temporäre Verhaltensänderungen sind in Anbetracht einer schweren Pandemie völlig normal.

Mir ging es gestern beim Einkaufen in dem Supermarkt mit den vier großen Buchstaben so. Eigentlich wollte ich aus rein soziologischem Interesse nur mal schauen, wie leer die Nudel- und Mehlregale waren.

Und dann sah ich sie: fünf 500 Gramm Packungen Weizenmehl! Vor Verwunderung hätte ich mir am liebsten die Augen gerieben, aber ins Gesicht fassen ist ja momentan leider verpönt.

Reflexartig schnellte meine Hand auf die vorderste Packung zu. Kohlenhydrate, Stärke, Proteine, Mineralstoffe – nur wenige Zentimeter entfernt!

Ich wollte schon zugreifen, als meine innere Stimme sich mit leicht gereiztem Unterton zu Wort meldete:

„Du willst Mehl kaufen?“

„Ist das verboten?“, hielt ich sofort dagegen. Ich musste mich schließlich beeilen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!

„Ich habe dich noch nie eine Béchamelsoße zubereiten sehen …“

„Einmal ist immer das erste Mal!“ Ich hielt die Packung sicher in meiner Hand – und kein Mensch in eineinhalb Metern Sicherheitsabstand weit und breit hatte es mitbekommen!

„Ist dein Zeitgefühl bereits so durcheinandergerüttelt, dass du schon mit dem Weihnachtsplätzchenbacken anfangen willst?“

„Ich weiß, dass jetzt Anfang April ist!“ Ob ich noch eine Packung nehmen sollte? Höchstens drei stand da schließlich auf dem Hinweisschild wegen der Hamsterkäufe …

„Darf ich dich daran erinnern, dass die einzigen Weihnachtsplätzchen, die du jemals gebacken hast, steinhart waren?“ Die Packung lag so weich in meiner Hand, ein bisschen Mehl rieselte heraus, ein Mehlwurm räusperte sich vernehmlich. Warum hatte ich dieses begehrenswerte Produkt bisher links liegen lassen?

„Na ja … Wer weiß, wie lange die Bäcker noch öffnen dürfen … Da ist Brot selbst backen doch eine super Alternative!“

„Mit Weizenmehl!“

„Nein?“

„Dafür brauchst du eine vernünftige Roggen-Weizenmehl-Mischung!“

„Gut, ich guck mal nach dem Rog…“

„Schluss jetzt. Lass es. Lass es einfach! Du brauchst es nicht!“

 

Mit etwas Wehmut stellte ich das Mehl wieder zurück.

 

Frieden mit der inneren Stimme ist wichtiger als Mehl kaufen. Obwohl Mehlwürmer in Zeiten der Krise angenehm schweigsame Hausgenossen sein könnten … zumindest, wenn sie ihr Verhalten nicht ändern.

 

VR, 01.04.2020

 

 

 

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